2732 Geschichten

Auf dem ESELSKIND-Blog stehen inzwischen 2.732 Geschichten und dienstags und freitags kommt jeweils eine weitere hinzu.

Ich wünsche jeder Leserin und jedem Leser recht viel Freude beim Lesen der Geschichten und ich hoffe, dass Euch die Geschichten ein wenig ermutigen und Euch veranlassen, niemals aufzugeben, denn denkt bitte immer daran:
Ihr seid etwas Besonderes, Ihr müsst nur Eurer Licht zum Leuchten bringen

Euer fröhlicher Werner aus Bremen

Mittwoch, 6. März 2013

Fußspuren im Herzen hinterlassen


Quelle: Helmut Mühlbacher


Ihr Lieben,

heute möchte ich Euch eine Geschichte von Gabriele Ramos erzählen.
Diese Geschichte wurde mir von Simone Trautwein zur Verfügung gestellt,
wofür ich ihr ganz herzlich danke.

Nun aber zu unserer heutigen Geschichte:
„Die Fußspuren in meinem Herzen“

„An einem bitterkalten Januartag kam ein neuer Schüler in meine fünfte Klasse der Sonderschule, der Fußspuren in meinem Herzen hinterließ. Als ich Bobby zum ersten Mal sah, trug er ungeachtet der eisigen Witterung ein ärmelloses T-Shirt und abgewetzte Jeans, die ihm eine Nummer zu klein waren. An einem seiner Schuhe fehlte der Schnürsenkel, sodass er ihm bei jedem Schritt halb vom Fuß rutschte.

Doch selbst dann, wenn Bobby ordentliche Kleidung getragen hätte, hätte er nicht wie ein normales Kind ausgesehen. Er machte einen so gehetzten , vernachlässigten und verlorenen Eindruck, wie ich es noch nie erlebt hatte und hoffentlich auch nie wieder erleben werde.
Quelle: Helga und Gerd Steuer
Bobby sah nicht nur merkwürdig aus, sondern er verhielt sich auf eine derart seltsame Weise, dass er meines Erachtens eigentlich eher in eine Schule für verhaltensgestörte Schüler gehört hätte. Er hielt das runde Waschbecken auf dem Gang für ein Urinal, seine normale Tonlage war lautes Schreien, er war besessen von Donald Duck und er sah nie jemandem direkt in die Augen. Während des Unterrichts rief er ständig dazwischen.
 
Einmal verkündete er stolz, der Sportlehrer hätte ihm gesagt, dass er stinken würde, und hätte ihn dazu gebracht, ein Deodorant zu benutzen.

Nicht nur, dass sein Verhalten unerträglich war, auch seine schulischen Leistungen waren absolut gleich null. Bobby war elf Jahre alt, doch er konnte weder lesen noch schreiben. Er konnte noch nicht einmal die Buchstaben des Alphabetes zu Papier bringen. Zu sagen, dass er nicht in die Klasse passte, wäre eine völlige Untertreibung.
 
Ich war überzeugt, dass Bobby bei mir fehl am Platze war. Ich schaute mir seine Akte an und stellte zu meinem Entsetzen fest, dass sein IQ normal war. Was konnte denn dann der Grund für sein auffälliges Verhalten sein? Ich unterhielt mich mit dem Schulpsychologen, und er berichtete mir, dass er ein Gespräch mit Bobbys Mutter geführt hätte. Er meinte: „Bobby ist wesentlich normaler als sie.“

Ich vertiefte mich noch einmal in die Akten und stellte fest, dass Bobby während seiner ersten drei Lebensjahre in einer Pflegefamilie untergebracht gewesen war. Anschließend war er zu seiner Mutter zurückgekehrt und sie waren mindestens einmal im Jahr in eine neue Stadt umgezogen. Eines wurde mir klar. Ich musste die bittere Pille schlucken. Bobby war geistig normal und damit würde er trotz seines auffälligen Verhaltens in meiner Klasse bleiben.

Auch wenn ich es nur ungern gestehe: Ich wäre ihn am liebsten losgeworden. Meine Klasse war voll genug, und ich hatte auch noch einige andere schwierige Schüler. Nie zuvor hatte ich versucht, jemanden zu unterrichten, bei dem die Ausgangsbasis derart schlecht war. 
 
Allein die passenden Übungen für ihn zu finden, war mühevolle Arbeit. Während der ersten Wochen, in denen er bei uns auf der Schule war, wachte ich nachts mit Magenschmerzen auf und es graute mir davor, in die Schule zu gehen.

Es gab Tage, an denen ich auf dem Schulweg hoffte, dass er nicht da sein würde. Ich hatte immer meinen ganzen Ehrgeiz darauf verwendet, meine Sache als Lehrerin gut zu machen, und ich nahm es mir mehr als übel, keine Sympathie für ihn aufbringen zu können und ihn nicht in meiner Klasse haben zu wollen.

Obwohl er mich fast in den Wahrsinn trieb, versuchte ich tapfer, ihn wie alle anderen Schüler zu behandeln. Ich ließ es nicht zu, dass die anderen ihn hänselten. Außerhalb des Klassenzimmers aber machten sich die Kinder einen Sport daraus, ihn zu ärgern. Sie erinnerten mich an wilde Tiere, die sich auf eines aus dem Rudel stürzen, das krank oder verletzt ist.

Etwa einen Monat nach seinem Schulantritt kam Bobby mit zerrissenem Hemd und blutiger Nase ins Klassenzimmer. Ein paar andere Schüler aus meiner Klasse hatten ihn verprügelt. Er setzte sich an seinen Tisch und tat so, als sei nichts geschehen. Er schlug sein Buch auf und versuchte zu lesen, während ein Gemisch von Blut und Tränen auf die Seiten tropfte. 
Quelle: Astrid Müller
Ich war außer mir! Nachdem ich Bobby zur Krankenstation geschickt hatte, hielt ich den Schülern, die ihn geschlagen hatten, eine Standpauke, in der sich mein geballter Zorn über sie ergoss. Sie sollten sich schämen, ihn abzulehnen, nur weil er anders war, so wetterte ich. Dass er sich so merkwürdig verhielt, sei ein Grund mehr, nett zu ihm zu sein. Irgendwann im Laufe meiner wortgewaltigen Tirade fing ich auf einmal an, mir selbst zuzuhören, und merkte, dass auch ich allen Anlass hatte, meine Einstellung zu ihm noch einmal zu überdenken.

Nach diesem Zwischenfall fing ich an, Bobby in einem anderen Licht zu betrachten. Endlich gelang es mir, über sein sonderbares Verhalten hinwegzusehen und dahinter den kleinen Jungen zu erkennen, der verzweifelt nach jemandem suchte, der sich seiner annahm. Ich erkannte, dass sich ein guter Lehrer nicht in erster Linie dadurch auszeichnet, den Stoff richtig zu vermitteln, sondern dass er den Bedürfnissen seiner Schüler gerecht wird. Bobby hatte extreme Defizite, und ich musste mein Bestes tun, sie zu füllen.

So machte ich mich daran, bei der Heilsarmee Kleidung für Bobby zu kaufen. Ich wusste, dass sich die anderen Schüler über ihn lustig machten, weil er nur drei Hemden besaß: Ich achtete sorgfältig darauf, dass die Kleidung in gutem Zustand und einigermaßen modisch war.

Er freute sich riesig über seine neue Ausstattung, und sie gab seinem Selbstbewusstsein einen richtigen Schub. Wenn Bobby Angst hatte, auf bestimmten Wegen im Schulgebäude von anderen attackiert zu werden, dann begleitete ich ihn. Vor Schulbeginn setzte ich mich mit ihm zusammen, um seine Hausaufgaben mit ihm durchzugehen.

Es war beeindruckend, welche Veränderungen die neue Kleidung und die zusätzliche Aufmerksamkeit bei Bobby bewirkten. Er kam aus seinem Schneckenhaus hervor, und auf einmal wurde deutlich, was für ein liebenswertes Kind er war. Sein Verhalten besserte sich, und ab und zu sah er mir sogar für einen kurzen Moment in die Augen. Er graute mir nicht mehr davor, zur Arbeit zu gehen.

Im Gegenteil: Ich freute mich regelrecht darauf, ihn zu sehen. Fehlte er einmal, machte ich mir Sorgen. Und in dem Maße, wie sich meine Einstellung ihm gegenüber wandelte, änderte sich auch das Verhalten seiner Klassenkameraden. Sie hörten auf, ihn zu quälen. Und nahmen ihn in ihre Gemeinschaft auf.

Eines Tages brachte Bobby einen Brief mit in die Schule, aus dem hervorging, dass er in zwei Tagen umziehen würde. Es brach mir fast das Herz. Ich hatte noch immer nicht alle Kleidungsstücke aufgetrieben, die ich für ihn hatte besorgen wollen. In der Pause ging ich in ein Geschäft und kaufte ihm ein komplettes Outfit. Als ich es ihm übergab, sagte ich ihm, es sei mein Abschiedsgeschenk. Als er die Etiketten sah, meinte er: „Ich glaub, ich habe noch nie ein nagelneues Kleidungsstück besessen.

Einige der Schüler hatten mitbekommen, dass Bobby umziehen würde, und sie fragten mich am Ende des Unterrichts, ob wir nicht am nächsten Tag eine Abschiedsparty für ihn feiern könnten. Ich sagte: „Na klar“, aber insgeheim dachte ich: „Wie sollen sie da noch ihre Hausaufgaben machen? Sie können doch unmöglich bis morgen früh eine Party organisieren?“

Aber zu meiner Überraschung gelang es ihnen. Am nächsten Tag brachten sie einen Kuchen, Girlanden, Luftballons und Geschenke für Bobby mit. Aus den einstigen Peinigern waren Freunde geworden.

An seinem letzten Schultag kam Bobby mit einem riesigen Rucksack in die Schule, in dem lauter Kinderbücher waren. Er freute sich über seine Party, und nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, fragte ich ihn, was er denn mit all den Büchern vorhabe:
„Die Bücher sind für Sie. Ich habe so viele davon, und da habe ich gedacht, dass ich Ihnen ruhig ein paar mitbringen könnte.“ Ich war sicher, dass Bobby zu Hause nichts Eigenes hatte, schon gar keine Bücher. Wie käme ein Kind, das nur drei Hemden gehabt hatte, an eine solche Menge Bücher?
Quelle: Raymonde Graber

Beim Durchblättern stellte ich fest, dass die meisten aus den Büchereien all der verschiedenen Städte stammten, in denen er gelebt hatte. In manchen Büchern stand auch „Lehrerexemplar“. Ich wusste, dass die Bücher Bobby nicht wirklich gehörten und dass er auf zweifelhaftem Wege in ihren Besitz gekommen war. 

Aber er hatte mir das Einzige mitgebracht, was er zu geben hatte. Noch nie zuvor bin ich so reich beschenkt worden. Einmal von den Kleidern abgesehen, die Bobby am Leibe trug und die ich ihm gegeben hatte, schenkte mir Bobby alles, was er besaß.

Als Bobby an jenem Tag die Klasse verließ, fragte er mich ob er mein Brieffreund werden könnte. Mit meiner Adresse in der Hand ging er hinaus. Was er zurückließ, waren die Bücher und Fußspuren in meinem Herzen.“
www.wikipedia.org
Ihr Lieben,

Fußspuren in den Herzen anderer Menschen“ hinterlassen, das sollte unser Lebensziel sein. Unsere heutige Geschichte zeigt, wie wenig nötig ist, wenn es darum geht, andere Menschen zu lieben.

Wir brauchen keine Menschen, die die Liebe wie ein Plakat vor sich hertragen, die einen Plan erstellen, wie die Liebe unter den Menschen verbreitet werden kann, was wir brauchen, sind Menschen, die sich in ihrem Alltag in Bewegung setzen und Fußspuren in den Herzen anderer Menschen hinterlassen.

Den Nächsten lieben, den anderen Menschen lieben, das bedeutet, ihn erst einmal so anzunehmen, wie er ist, mit all seinen Vorzügen und Stärken, aber auch all seinen Fehlern, Ecken und Kanten.

Seinen Nächsten lieben, bedeutet auch, in ihm ein liebens-wertes Geschöpf sehen, nicht nur auf das zu schauen, was dieser Mensch gerade ist, sondern mehr zu schauen, was dieser Mensch werden kann.


Seinen Nächsten lieben, bedeutet, in die Natur zu schauen.
Ebenso wie die Pflanzen und Blumen Dünger, Wasser und Wärme benötigen, um gedeihen zu können, so benötigen die Menschen, die uns begegnen, Ermutigung, damit sie erhobenen Hauptes ihren Weg weitergehen können. Sie benötigen Zuversicht und Hoffnung, damit sie jeden Tag die Kraft aufbringen können, ihr Tagewerk zu vollbringen, und sie brauchen Zuwendung und die Gewissheit, dass jemand zu ihnen steht, damit sie sich anlehnen können, damit sie sich öffnen können, damit sie zu sich selbst finden können.

Die Lehrerin in unserer Geschichte liefert uns dafür ein feines Beispiel:
Indem sie den schwierigen Jungen annimmt, indem sie ihn respektiert, sich auf ihn einlässt, ihm Zuwendung schenkt, öffnet er sich ihr und zeigt ihr sein wahres, sein liebenswertes Wesen. Und indem die Lehrerin so handelt, erleichtert sie sich auch ihr eigenes Leben, gewinnt sie immer mehr Freude an ihrer Arbeit.
www.wikipedia.org
Ich wünsche Euch, meine lieben Leserinnen und Leser, ganz viel Liebe in Euer Herz, denn der Hunger nach Liebe in dieser Welt ist sehr groß, und ich wünsche Euch, dass auch Ihr viel Liebe geschenkt bekommt. Für die zweite Wochenhälfte wünsche ich Euch einen Backofen voll Liebe.
Euer fröhlicher Werner

Quelle: Karin Heringshausen
 

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