Eselskind

Füttere den richtigen Wolf in dir

Als ich noch ein kleines Kind war, kaum älter als du, war ich sehr traurig über all die schlimmen Dinge, die ich in den Nachrichten sah und über welche meine Eltern mit ihren Freunden redeten. Menschen taten sich gegenseitig weh, zerstörten die Umwelt oder verletzten Tiere. Ich war sehr besorgt darüber. Ich konnte nicht verstehen, wie manche Menschen so gemein werden konnten und hatte furchtbare Angst, dass ich eines Tages vielleicht auch ein so schlimmer Mensch werden könnte. Wie könnte ich das verhindern?

Traurig wie ich war, ging ich zu meinem Großvater und erzählte ihm von meinen großen Sorgen. Großvater hörte mir still zu, ernst blickte er mich aus seinen weisen Augen an und nahm mich in den Arm. „Weißt du“, sagte er zu mir, „die gleiche Angst und die gleichen Sorgen hatte ich auch, als ich noch ein kleiner Junge war. Und so wie du auch, ging ich zu meinem Großvater und berichtete ihm davon. Er erzählte mir daraufhin eine sehr wichtige Geschichte, eine, die du dir dein ganzes Leben lang merken musst, weißt du? Ein jeder von uns hat zwei Wölfe in seiner Seele, ganz tief drin, wo sie keiner sieht. Einen weißen, mutigen Wolf, der immer versucht, gerecht zu sein, der anderen hilft und immer ehrlich ist. Aber auch einen schwarzen Wolf, einen, der immer neidisch ist, der anderen nur Böses wünscht und hinterlistig auf das Pech anderer wartet. Nun es ist so, immer dann, wenn wir etwas Gutes tun, füttern wir damit unseren weißen, guten Seelenwolf. Davon wächst er und gedeiht, er lernt viele Dinge und wird kräftig. Er schützt die Schwachen und hilft uns, ehrlich zu bleiben. Wenn wir aber was Schlechtes tun, wenn wir lügen oder nicht nett zu unseren Mitmenschen sind, dann nährt sich der schwarze Wolf davon und wird stärker. Je nachdem, welcher unserer beiden Wölfe besser genährt wird, kann er sich durchsetzen. Wir haben es also ganz alleine selbst in der Hand, welchen der beiden Wölfe wir füttern wollen, welchen wir stärken wollen und den welchen wir verkümmern lassen. Verstehst du, was er mir damit sagen wollte?“. Gebannt blickte ich Großvater an und nickte. Ich verstand und hatte endlich keine Angst mehr davor, eines Tages zu einem bösen Menschen zu werden. Denn ich wollte meinen weißen Wolf füttern, jeden Tag ein kleines bisschen, damit er zu einem großen und starken Tier werden kann und keinen Platz für einen bösen Wolf in meiner Seele lässt.

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